Y wie „Yes we can!“

Dodenhoefts Fundraising-ABC

Ein einfaches Wort – Und ein ganzes großes Land atmet(e) Morgenluft: Ja, wir können, ja, wir schaffen das! Hat übrigens unsere Angela vom Barack geklaut. Nur ist der gemeine deutsche Kontinentaleuropäer mit oder ohne Migrationshintergrund nicht ganz so spontan begeisterungsfähig wie „der Amerikaner“. Fragt doch unsereins einfach nach: Was schaffen wir denn? Wie? Bis wann? Was noch? Und wieso immer wir?

Wie auch immer: Im Fundraising ist man gut beraten, sich auch bei schwierigen Herausforderungen einen gesunden Optimismus zu bewahren. „Gesund“ heißt freilich nicht „naiv“ oder „gedankenlos“. Denn wer einfach nur auf das Glückspferd setzt, kann schnell vom Glücksschwein verlassen werden.

„Gesund“ heißt zum Beispiel: Wir sind erfahren, wir sind gut, wir haben schon andere Herausforderungen gemeistert. Wir sitzen nicht einfach unsere Stunden ab, wir sind motiviert, wir wollen etwas erreichen. Wir kennen vielleicht jemanden, der ähnliche Aufgaben bewältigt hat. So ein Netzwerk wie in unserem Fundraisingverband hat gerade hier seinen Sinn. Alle dem Blogautor bekannten „FunDinos“ helfen den Neuen und den Jüngeren gern!

Nun gibt es ja diese Sprüche wie „Geht nicht – gibt’s nicht!“, also das „Yes we can“ auf die harte Tour. Manchmal soll es ja zutreffen, dass ein starker Wille Berge versetzen kann. Die notwendige technische Ausrüstung, man denke an Bagger und ähnliches Gerät, wird da aber nicht schaden …

Der Blogautor kennt diese vom Lieblingsvorgesetzten servierte Herausforderung aus seiner Fundraiserazubi-Phase. Mut zum Widerstand – „No! Sir!“ – fand er damals nicht. Ehrlicherweise sei gesagt: Ausrüstung (in Form von Budget und helfenden Kollegen) war vorhanden. Und so lernt man in seinem Leben nach dem Motto „Wat mutt, dat mutt“ halt Bagger zu fahren und Sprenglöcher zu bohren …

„Yes we can“ ist ein wunderbares Wort. Wir sollten es leben. Aber wir dürfen mindestens dann „No we cannot“ sagen, wenn man uns die notwendige Unterstützung verweigert.

Euer

Martin Dodenhoeft

X wie X-Mas

Dodenhoefts Fundraising-ABC

Dieser Beitrag entsteht an dem Tage, der einst als Reformationstag in längst vergessenen sozialen Umständen begangen wurde, nunmehr aber weithin mit „Happy Halloween“ die neue Kultur der Verkindergartisierung des gesellschaftlichen Lebens signalisiert. In diesen Bereich gehört irgendwie ach das Schlüsselwort für den heutigen Beitrag. Aber bevor sich der Blogautor in ebenso unzeitgemäßen wie peinlichen Elogen über den kulturellen Wandel im Sinne des „Früher war alles besser“ verl- und sich damit gründlich blam-iert, sei gesagt: Weihnachten ist nicht im Oktober.

In der Tat macht er sich, und nicht allein, Sorgen um die Bereitschaft bei manchen bedeutenden Organisationen, den Kalender schlichtweg zu ignorieren. Die haben das freilich nicht erfunden, sondern den Kaufhäusern abgeschaut. Da weiß man ja: Im Hochsommer gibt es in den einschlägigen Konsumtempeln weder Badehosen und Bikinis noch andere luftige Bekleidung zu erwerben. Ja, nee, nix! Herbstmode, Übergangskleidung, dominiert die Verkaufsflächen.

Und das scheint nun auch auf manche Kolleg/innen abgefärbt zu haben. Draußen scheint warm und freundlich die herbstliche Sonne. Und im Briefkasten, da steckt der Weihnachtsbrief. Ja, is denn heut scho Weihnachten, möchte man gern den einzigen noch lebenden deutschen Kaiser zitieren. Nein, ist es heut’ nicht, und morgen auch nicht, und in vier Wochen immer noch nicht. Mit Verlaub: Was soll das?

Man kennt die Antworten, oder man ahnt sie. „Das haben wir aber immer schon so gemacht.“ „Habt ihr denn mal einen Test mit anderen Zeitpunkten gemacht, später vielleicht?“ „Nö, wieso, das läuft doch gut?“ Der erste. „Ja, aber wir sind die ersten draußen. Nachher schreiben ja dann alle anderen, wir liegen aber vorn.“ „Ja, habt Ihr denn so wenig Vertrauen in Eure eigenen Förderer, dass sie Euch im Beauty Contest abwatschen würden?“ „Ja, ööh, nee, eigentlich nicht, aber jetzt ist das halt mal so.“ Der zweite.

Frage: Haben wir als gemeinnützige Organisationen nicht auch so eine Art Mitverantwortung für die Gestaltung des Zusammenlebens und die Erhaltung von Kultur und Traditionen in unserem Land? Muss denn Weihnachten wirklich schon im Oktober sein?

Mit nachdenklichem Gruß,

Euer Martin Dodenhoeft

W wie Wahrhaftigkeit

Dodenhoefts Fundraising-ABC

Kurz vor Ende der Blogserie kommen nun die dicken Brocken … heute: Wahrhaftigkeit. Der letzte Beitrag umkreiste das Wirken Luzifers. Und siehe, auch hier ist er nicht fern. Denn groß ist immer wieder die Versuchung, mit der Wahrheit und Wahrhaftigkeit, natürlich nur im Sinne des Ganzen, ein wenig zu schummeln.

Da kann es um die Kosten (siehe frühere Beiträge) gehen. Da wird versteckt, da wird anders zugeordnet, da wird so getan, als gäbe es sie gar nicht – aus Angst, man müsste sich rechtfertigen für manches, das schlicht unvermeidbar ist.

Der Blogautor will aber nicht schon wieder auf diesem – so ewig wie Satans Wirken – aktuellen Thema herumreiten. Es gib im Fundraising schließlich noch andere, viel plastischere Versuchungen und Verlockungen!

Da wäre die Agentur, die ein Spendenmailing für die Organisation konzipieren sollte. Schöne Idee: Ein in einem östlichen Lande lebender Mensch, nehmen wir mal an, ein Pfarrer, schreibt einen Brief an die lieben Spender in der Heimat. In so emotionalen wie glaubwürdigen und überzeugenden Worten schildert er die Situation vor Ort. Ein überzeugendes Konzept. Blöd nur, dass es wohl die Situation, nicht aber den Pfarrer gibt – erfunden, samt unechter Unterschrift. Der Blogautor hat sich den Luxus erlaubt, dieses Konzept abzulehnen.

Oder: Für ein aufrüttelndes Foto wird ein anscheinend Hungers leidender Mensch vor einer elenden Hütte, wahlweise einer kargen Landschaft postiert. Was man nicht sieht: Fünf Meter weiter befindet sich ein festes Haus, in dem Essen ausgegeben wird. Daneben: eine Meute von Fotografen, die das schauspielernde Subjekt für den optimalen „Schuss“ nach Bedarf hin- und herschieben. Wie finden wir das?

Ja ja, der Blogautor weiß es doch: Manches muss man arrangieren, und sei es um die Menschenwürde der wirklich Leidenden nicht zu verletzen. Aber trotzdem! Solche Bilder sind manipulativ.

Wahrhaftig zu sein kann Response kosten. Aber den Luxus sollte man sich dennoch erlauben.

Euer Martin Dodenhoeft

V wie Verwaltungskosten

Dodenhoefts Fundraising-ABC

Irgendwer hat mal zum allerersten Mal Folgendes gesagt: Das Böse hat einen Namen. Der Gedanke an die Bibel (nein, nicht das neue Fundraising-Handbuch, trotzdem: kaufen) liegt da nicht fern. Luzifer, der Teufel, der Satan, der Schaitan (nach Karl May) ist mitten unter uns.

Das Böse materialisiert sich in vielgestaltiger Form – auch uns Fundraiserinnen und Fundraisern ist es nicht fremd. Um künftigen Elogen nicht vorzugreifen, beschränkt sich der Blogautor auf das übelste aller Übel: die Verwaltungskosten. Geht doch immer wieder der Ruf weit über das Land: Verwaltungskosten sind B Ö S E !!! Apage satanas!

Nun ist es ja so, dass die blinkenden Sterntaler eher selten, nein, eigentlich überhaupt nie vom Himmel in die dünnen Hemdchen der Bedürftigen fallen. Wunder, bedaure, gibt es nicht, allenfalls Zufälle. Fundraising heißt, nicht an Wunder zu glauben und diese tatenlos abzuwarten. Es gilt stattdessen, Zufälle im wahren Sinne des Wortes, das Gute, zu organisieren!

Wie aber, baut der Blogautor seine logische Gedankenkette weiter auf, kann eine notwendige Voraussetzung für die wirksame Organisation des Guten ein Element des Bösen sein? Zählt nicht das Resultat, die Wirkung? Zählen nicht die Linderung von Not und Elend, die Rettung von Leben, die Schaffung würdiger Lebensumstände für Mensch und Tier und all das Andere, dem wir uns täglich widmen?

Verwaltungskosten sind unvermeidbar. Manchmal sind sie höher, manchmal niedriger. Die Schwelle zu fixieren, ab der sie böse sind, mag sich der Blogautor allerdings nicht anmaßen. Resultat wäre auch, mit den bösen Kosten gleichzeitig die guten Wirkungen in Frage zu stellen. Dan Palotta lässt grüßen.

Nebenbei: Man muss nicht Maserati fahren. Polo (ja, ja, ein Bekenntnis zum angeschlagenen Konzern) reicht doch, um im Dienste des Guten von A nach B zu kommen. 5-Sterne-Hotel? Da macht man auch bloß nachts die Augen zu. 2 Sterne tun’s doch. Aber selbst das lässt Luzifer frohlocken …

Euer Martin Dodenhoeft

U wie Umfrage

Dodenhoefts Fundraising-ABC

Mit staunendem Grausen erinnert sich der Blogautor an die erste Umfrage, die er bei seiner Organisation wahrgenommen hatte. Ein schwitzender, fluchender, aber auch stolzer Kollege saß inmitten eines gewaltigen Berges von 35 000 mehr oder weniger manuell auszuwertenden Fragebögen. Mit so einem Erfolg hatte man wirklich nicht gerechnet. Es folgten weitere Umfragen bei den Förderern der Organisation – dann aber systematisch getrimmt auf einfache Auswertbarkeit …

Schon viel früher hatte man die Bevölkerung befragt, immer wieder einmal. Wie ist der Bekanntheitsgrad? Was denkt sie über die Relevanz der Arbeit? Welcher Anteil wäre bereit, diese zu unterstützen? Später kam die regelmäßige Teilnahme am Emnid*-Spendenmonitor (heute TNS Infratest). Und das ist noch nicht einmal alles.

Warum das Ganze? Dumme Frage, mag man denken. Und dennoch …

Wissen, wo man steht, das ist das eine. Wir können ja über uns denken, was wir wollen. Entscheidend ist, was die Leute über uns denken. Da kann sich schon einmal ein gewisser Spalt zwischen Selbst- und Fremdbild auftun. Den zu erkennen kann nur nützen – soweit man dann auch das Selbstbild nachjustiert und an der Verbesserung des Fremdbildes zu arbeiten beginnt.

Dialog, das ist das andere. Wir interessieren uns für Dich, für Deine Meinung, Spender! Wir bringen Dir, nehmen wir halt mal dieses Modewort, Wertschätzung entgegen! Wir lernen von Dir! Vielleicht setzen wir Deine Anregungen und Wünsche sogar direkt um. Zumindest aber wissen wir künftig mehr, bevor wir Entscheidungen treffen.

Und das Dritte: Du sagst uns, was Dich interessiert, Du zeigst Bereitschaft, vielleicht mehr zu tun als nur einmal im Jahr zu spenden. Da nehmen wir Dich dann beim Wort. Vielleicht finden wir in Dir einen neuen hoch engagierten Ehrenamtlichen. Oder einen potentiellen Stifter. Oder oder oder …

Kurzum: Wer’s noch nicht macht, dem sei dies dringend ans Herz gelegt. Frag die Menschen!

Euer Martin Dodenhoeft

T wie Testimonial

Dodenhoefts Fundraising-ABC

Als der Blogautor, vor langen Jahren fundraisingtechnisch noch völlig grün hinter den Ohren, seine „Blut, Schweiß und Tränen“-Ausbildung begann, wurde er alsbald mit neuen Wörtern konfrontiert. Eines davon: Testimonial!

Das Testimonial, lernte er, kann männlich oder weiblich sein. Es – bleiben wir beim übergreifenden Neutrum – sollte möglichst, muss aber nicht prominent sein. Auf jeden Fall muss es zur Verwendung einer Aussage mit oder ohne Konterfei zu Zwecken der Öffentlichkeitsarbeit und Werbung ein explizites Einverständnis gegeben haben.

Jeder weiß: Promis wollen Gutes tun und dabei gesehen werden. Promis sind ja auch nur Leute. Man frage sie, am besten kurz am Telefon, und zack! hat man Stoff für viele erfolgreiche Aktionen.

Soweit die Theorie. Richtig spannend wurde es nämlich bei einer Freianzeigenkampagne zum Thema Frieden. „Ich will Frieden, weil ich … diesen oder diesen Grund habe“, das war bitte einer Reihe beliebiger, aber möglichst glaubwürdiger Prominenter zu entlocken. Frieden will ja jeder, kann nicht so schwer sein. Eine Absage nach der anderen später war die Euphorie verflogen. Stattdessen drückten Termin und Chef, wo bleiben die prominenten Testimonials?

Im vollen Frust dieser Promi-Testimonialpleite erfand der Blogautor mit einem mitleidenden Kollegen eine Art interaktiver Freianzeige: „Wenn die (grmbll) Promis uns nicht sagen wollen, warum sie Frieden wollen, dann fragen wir halt die Leute!“ Die Anzeige war simpel, nur der Text „Ich will Frieden, weil …“, gefolgt von drei Linien zum Eintragen einer persönlichen Aussage und der Adresse der Organisation.

10 000 Einsendungen später, mit wunderbaren Zitaten von Menschen im Alter von 6 bis 99, mit einer Bilanz von 200 Millionen Kontakten zum Jahresende, war klar: Es geht auch ohne prominente Testimonials. So ein Dialog mit den Bürgern ist besser. Fanden auch die Anzeigenleiter.

Und so lernte der Blogautor schon damals: Aus einem Problem kann eine richtige Chance werden. Mit oder ohne Testimonial.

Euer Martin Dodenhoeft

S wie Spendensiegel

Dodenhoefts Fundraising-ABC

Eher ein Anhänger gewohnter und überschaubarer Umstände, muss der Blogautor doch ständig Neues und Ungewohntes kognitiv integrieren. Aktuell geht es da um Accountability, Compliance, Governance und Ähnliches. Ja, diese merkwürdige Sprache aus dem internationalen Business hat Einzug in Köpfe, Papiere und Praxis auch gemeinnütziger Organisationen gehalten. Es reicht nicht mehr, gut zu sein oder einen guten Leumund zu haben. Das muss auch nachgewiesen werden, am besten gegenüber unabhängigen Dritten, in erster Linie aber gegenüber den Mittelgebern.

Das ist ja auch mehr als sinnvoll. Ein Spender, selbst wenn er nicht täglich nachfragt, sollte doch von der ordnungsgemäßen und maximal effektiven und effizienten Verwendung seiner Mittel überzeugt sein und werden. Es steht ihm schlichtweg zu, ihm das zugänglich zu machen oder wenigstens anzubieten. Die Frage sei allerdings erlaubt, ob es dazu nicht auch unterschiedliche Wege geben kann und sollte.

Wir erkennen einen gewissen Wettbewerb um die größte Transparenz, um einen Preis, um einen besseren Platz im „Ranking“ einer Wirtschaftszeitschrift. Befördert dies aber tatsächlich Qualität und Wirkung der inhaltlichen Arbeit? Oder werden von den Öffentlichkeitsarbeitern nach neu gelerntem Erfolgsschema nur einschlägig optimierte Jahresberichte und Internetauftritte produziert? Kommt denn all die Transparenz, Governance etc. pp. auch im Feld an? Und was hilft dabei ein Spendensiegel? Denn eine isolierte Betrachtung von Werbe- und Verwaltungskosten reicht doch nicht, nein, wirklich nicht.

Schauen wir aktuell auf einen großen deutschen Automobilkonzern. Umweltbewusstsein? Compliance? Das fällt gegenüber dem Bestreben, „Märkte“ zu erobern und zu behaupten, offenbar etwas ab. Und zur Abhilfe, wie man lesen kann, nun noch schärfere Complianceregeln?

Wir Gemeinnützige sind leider nicht davor gefeit, etwa nach dem Motto „Wir sind gut, weil wir gut sind.“ Nein! Tag Tag für Tag müssen wir daran arbeiten, das uns geschenkte Vertrauen zu verdienen. Über die Art und Weise der Darstellung aber kann man immer noch reden.

Euer Martin Dodenhoeft